Zukunft der Banken in Deutschland – wer wird das Bankensterben überleben?

Die Zukunft der Banken in Deutschland

Im Juni 2007 erreichten die ersten Schockwellen die deutsche Bankenwelt: aus fragwürdigen Spekulationsgeschäften im Subprime-Markt, dem US-amerikanischen Hypothekendarlehensmarkt für Kreditnehmer mit geringer Bonität, entwickelte sich die größte Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Seither ist das deutsche Bankenwesen bemüht, zurück auf die Beine zu kommen. Doch durch die schnell voranschreitende Digitalisierung wildert zunehmend internationale Konkurrenz in den heimischen Gefilden und der Investitionsdruck in aktuelle IT-Infrastrukturen wächst. Es scheint, als würden die wirklich harten Zeiten jetzt erst beginnen.

Der 'Bankenreport 2030', veröffentlicht im Februar 2018 von der Managementberatung Oliver Wyman, prophezeit, dass sich die Zahl der Bankinstitute in Deutschland in den nächsten 10-15 Jahren von 1.600 tätigen Banken auf nur 150 bis 300 reduzieren wird. Können sich deutsche Banken gegen das Bankensterben und ihre Konkurrenten, zu denen insbesondere Auslandsbanken, FinTechs, Marktinfrastrukturanbieter und globale Technologieunternehmen gehören, überhaupt wappnen? Und wenn ja, welche Maßnahmen können ergriffen werden?

NEUE STRUKTUREN UND MITBEWERBER VERÄNDERN DEN FINANZMARKT

Die Ausgangslage scheint auf den ersten Blick nicht sonderlich dramatisch: laut dem Bankenreport 2030 von Oliver Wyman verfügen Banken in Deutschland derzeit über einen großen Kundenstamm aus Privat- und Geschäftskunden, schöpfen aus einem stabilen Ertragspool von ca. 115 Milliarden Euro und weisen geringe Risikokosten auf. Jedoch habe sich die Profitabilität in den letzten zehn Jahren um ein Drittel reduziert und die Banken würden in einem grundlegend veränderten Marktumfeld agieren.

Die bestehende 'Drei-Säulen-Struktur' aus privaten Geschäftsbanken, öffentlich-rechtlichen Anbietern und Genossenschaftsbanken, werde durch Bankenkonsolidierung und zunehmend zentralisierte Strukturen schlanker und gleichzeitig durch eine vierte Säule ergänzt. Diese Säule bestehe aus Auslandsbanken, Marktinfrastrukturanbietern, internationalen Technologieunternehmen sowie FinTechs und stehe in unmittelbarer Konkurrenz zu deutschen Banken. Eine derartige Verschiebung führe zu nachhaltigen Veränderungen in der gesamten Branche.

Evolution oder Revolution – Zwei Veränderungsszenarien für die Zukunft deutscher Banken

Vor dem Hintergrund der neuen Wettbewerber und zusätzlich wirkender Veränderungstreiber wie Technologie und Innovation, einer veränderten Erwartungshaltung der Kunden und strengen Regularien lassen sich nach Oliver Wyman zwei mögliche Zukunftsszenarien erwarten. Zum einen ein kalkulierbares, inkrementelles Evolutionsszenario, das bestehende Strukturen durch Kooperationen, erweiterte Geschäftsmodelle und Digitalisierungsinitiativen ergänzt, zum anderen ein weitaus schnelleres, radikales Disruptionsszenario, das Geschwindigkeit und digitale Technologien zwingend erfordert und gegenwärtige Strukturen aufgrund der Adaption neuer Systeme und Prozesse obsolet werden lässt.

Die zunehmende angebots- und nachfrageseitige Modularisierung spielt in beiden Szenarien eine entscheidende Rolle. Das bedeutet, dass Produkte und Dienstleistungen nicht mehr zwangsläufig von einem Anbieter kommen, sondern auch als Konglomerat unterschiedlicher Finanzdienstleister angeboten werden. Laut Oliver Wyman werden erfolgreiche Banken zukünftig mit ihren Services nicht mehr die gesamte Wertschöpfungskette im Finanzwesen abbilden, sondern dem Trend von Wertschöpfungsverbünden folgen. Somit sei eine nachhaltige Unternehmenspositionierung der Banken entweder als Zulieferer durch Konzentration des Produktangebots oder als 'Orchestrator' mit regionaler Schwerpunktbildung und dem Kontakt zum Kunden ausschlaggebend für das weitere Bestehen am Markt.

Um auf beide Szenarien vorbereitet zu sein, sollen Banken einerseits ihre interkulturelle Kompetenz trainieren und andererseits ihre Innovationsfähigkeit und -bereitschaft verbessern. Es bedürfe somit eines tiefgreifenden Wandels der Unternehmenskultur, weshalb letztlich das Stärkenprofil der Führungskräfte und deren Fähigkeit, Veränderungen im Unternehmen zu ermöglichen als wichtiger Differenzierungsfaktor im Wettbewerb gelte.

Warum setzen FinTechs Deutsche Banken so stark unter Druck?

Ein großer Treiber der Veränderungen im Finanzsektor sind die sogenannten FinTechs. Diese Unternehmen verändern den Bankenmarkt schnell durch spezialisierte Finanzlösungen, die den aktuellen Technologie- und Marktgegebenheiten angepasst sind und wirken damit als Stein in der Waagschale des Disruptionsszenarios. Die Zahl der FinTech-Unternehmen in Deutschland wächst stetig. Laut der Studie 'Germany FinTech Landscape' der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst&Young waren es im Jahr 2017 bereits 310 Unternehmen, Tendenz steigend. Es ist damit zu rechnen, dass der anstehende Brexit die Attraktivität Deutschlands als Standort positiv beeinflussen und es zu einer Verlagerung – speziell von FinTechs aus London – kommen wird. Daher ist davon auszugehen, dass die schnell steigende Anzahl von FinTechs deutsche Banken zusätzlich unter Druck setzen wird.

Fakt ist, dass unterschiedliche digitale Finanzdienstleister mittlerweile einen Großteil des Produktangebots großer Banken abdecken. Sei es in den Bereichen Payment und Zahlungsverkehr, im Finanzierungs- und Kreditvergabeprozess oder in der Immobilien- und Versicherungsbranche (PropTech und InsureTech). FinTechs definieren Banking oftmals neu und setzen an den Schwachstellen der Banken an. Im Zeitalter der Digitalisierung haben FinTechs bereits die Potenziale genutzt, die Banken teilweise noch nicht erkannt oder umgesetzt haben. Online-Banking oder Kundenberatung über Videochat genügen nicht mehr. FinTechs sind mit ihren innovativen Banking-Prozessen und Customer-Journey-Analysen wesentlich agiler und kundenorientierter: Cloud-Technologien und mobile Service-Angebote ermöglichen es beispielsweise Kunden, die keinen unmittelbaren Zugang zum Filialnetz einer Bank haben, via App ihren Kredit zu konfigurieren. Algorithmen ermitteln automatisiert deren Kreditwürdigkeit und legen die Tilgungsraten fest.

Deshalb ist es für Banken wichtiger denn je, eine klare Digitalisierungsstrategie zu erarbeiten. Nur durch eine plattform- und bereichsübergreifende Vernetzung der Daten kann die heutige Erwartungshaltung der Kunden an Service und Geschwindigkeit erfüllt werden, wie sie es von FinTechs bereits gewohnt sind.

Zeitgemäße IT-Infrastruktur als Grundlage der digitalen Transformation

Neben der Notwendigkeit für umfangreiche Prozesserneuerungen betont der „Bankenreport 2030“ die Relevanz eines nachhaltigen Geschäftsmodells durch eine klare strategische Positionierung deutscher Banken sowohl für das Evolutions- als auch Disruptionsszenario. Bei beiden Szenarien werden weitreichende Veränderungen durch digitale Technologien, auch für die Beschäftigten der Finanzinstitute erwartet. Im Falle einer Disruption ist mit einer drastischen Personal-Rationalisierung zu rechnen, die umfängliche Folgen für die Beschäftigungs- und IT-Architektur der Banken nach sich zieht.

Laut Schätzungen des Analysehauses Barkow Consulting, über die bereits das Handelsblatt berichtet hat, halbierte sich das Filialnetz von 66.000 Banken im Jahr 1996 auf rund 30.000 in 2017. Auch die IT-Architektur deutscher Banken muss grundlegend erneuert und angepasst werden. Denn hier sind die FinTechs den Banken voraus und schlagen durch den Einsatz aktueller IT- und Cloud-Systeme Profit aus Prozess-Automatisierung und Omni-Channel-Angeboten. Die meisten Legacy-Systeme deutscher Banken sind veraltet. Historische Programmiersprachen, funktionale Lücken, technologische Insellösungen und Redundanzen in der IT-Landschaft resultieren in hohem Supportaufwand und überbordenden IT-Kosten. Moderne, modular aufgebaute Banking-Plattformen sind weitaus flexibler und bilden das Rückgrat einer zeitgemäßen IT-Infrastruktur.

Mittels offener Schnittstellen können Bestandssysteme integriert sowie Front- und Back-Office-Anwendungen sinnvoll gekoppelt werden. Über Frameworks und Templates können Banken schneller effiziente, voll- oder teilautomatisierte Lösungen generieren und sich viel stärker auf ihr eigentliches Geschäftsmodell fokussieren. Die technologische Flexibilität beschreibt auch Oliver Wyman als einen der wichtigsten Schlüsselfaktoren im Überlebenskampf der Banken.

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Fazit

Der Strukturwandel im deutschen Bankenwesen ist bereits in vollem Gange: drastische Veränderungen durch disruptive Technologien und die zunehmende Konkurrenz durch Auslandsbanken, Marktinfrastrukturanbieter, internationale Technologieunternehmen und FinTechs zwingen Banken zu schnellem Handeln. Aufgrund ihres Angebots an innovativen Finanzservices und neuen Produktvariationen in der Finanzdienstleistungsbranche gewinnen FinTechs im Kampf um die Schnittstelle zum Kunden zunehmend an Boden und sind damit ein zentraler Beschleuniger für das Filialsterben in Deutschland.

Um zu überleben, müssen traditionelle Banken eine klare strategische Position beziehen und die Vorteile der Digitalisierung und Modularisierung nutzen, um tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei stellt die Implementierung digitaler Banking-Plattformen eine wichtige Maßnahme dar, um die IT-Architektur durch schlanke und flexible Prozesse an die neue Geschwindigkeit am Markt anzugleichen.

Die digitale Transformation muss dabei im gesamten Unternehmen gelebt und in der Unternehmenskultur verankert werden. Nur so wird die nicht umkehrbare Veränderung des Bankensektors zur Chance und nicht zum Sargnagel für die altehrwürdigen deutschen Finanzinstitute.

Bildquelle: Teaser: alexsl - 614143832 - iStock

Geschrieben von Michael Rehfisch

Michael Rehfisch verantwortet die Banking-Einheit der knowis AG. Zu seinen Hauptaufgaben zählt die Überführung bankfachlicher Anforderungen in Softwarelösungen. Er sorgt mit seinem Team für eine erfolgreiche Realisierung unterschiedlichster Kundenprojekte. Michael Rehfisch absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und anschließend verschiedene Studiengänge zum Bachelor of Arts in Business Administration und Master of Science in Accounting & Finance. Er war über mehrere Jahre in einer international agierenden Großbank mit der Prozesssteuerung und -optimierung von Service- und Kreditprozessen betraut. Michael Rehfisch ist seit 2016 bei knowis tätig und begleitete als Solution Architect viele erfolgreiche Kundenprojekte.

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