Darum ist Digitalisierung für Banken ein zentrales Thema

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Sowohl auf dem Markt der Finanzdienstleister als auch auf der Seite des Kunden führt die digitale Ära zu einem Paradigmenwechsel. Neue Anbieter, viele davon FinTech- Unternehmen, drängen mit Produkt- und Dienstleistungsangeboten in den Markt. Diese haben sich auf die neuen Bedürfnisse der Kunden eingestellt – alles online, alles sofort verfügbar. Im Kreditgeschäft wird dies besonders deutlich: komplett automatisierte Online-Angebote für Konsumkredite, Umschuldungsdarlehen oder Autofinanzierungen sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, wo die Reise hingeht. Ist der Kunde diesen digitalen Service gewohnt, erwartet er das ganz selbstverständlich auch in anderen Geschäftsbereichen, wie beispielsweise dem Corporate-Kreditgeschäft. Das Problem: Die Daten- und System-Infrastruktur vieler traditioneller Finanzinstitute lässt diese Prozesse gar nicht zu. Aber nicht nur die Schnittstelle zum Kunden wird dadurch blockiert, auch bei internen Abläufen gefährden Reibungsverluste die langfristige Wirtschaftlichkeit des Unternehmens.

 „Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts“. Diese häufig zitierte Aussage von Matthias Hartmann, dem ehemaligen Chef der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), ist nicht von der Hand zu weisen, gründet doch ein Großteil der wertvollsten Unternehmen weltweit ihr Geschäftsmodell auf dieser digitalen Währung. Diese Goldgräberstimmung befeuert die Verschiebung vieler klassischer Offline-Dienstleistungen in das World Wide Web. Die Folge: der Kunde gewöhnt sich zunehmend an die digitalen Prozesse beziehungsweise den damit einhergehenden Komfort und bindet sie in seinen Alltag ein. Die nachkommenden Digital-Native-Generationen werden schon von Grund auf ein ganz anderes Verständnis von Service, Prozessgeschwindigkeit und Interaktion bei Dienstleistungen haben, als es bei der Baby-Boomer-Generation der Fall ist, die noch analog aufgewachsen ist. Und sie werden andere Ansprüche an ihren Finanzdienstleister stellen.

Banken haben großen Nachholbedarf

Laut einer Studie des BearingPoint Institute und des Bayerischen Finanz Zentrums (BFZ) realisierten noch vor wenigen Jahren nur wenige Bankhäuser die Wachstumsmöglichkeiten der Digitalisierung. Bei der Befragung von 48 europäischen Banken Ende 2015 gaben gerade einmal 17 Prozent der Teilnehmer an, einen hohen Digitalisierungsgrad zu erreichen. „Die Ergebnisse zeigen: Traditionelle Banken müssen ihre Geschäftsstrategie überdenken und wesentliche Investitionen in digitale Technologien tätigen. FinTechs, Telekommunikationsanbieter und Bezahldienste von Technologieriesen haben die digitale Revolution ins Rollen gebracht. Etablierte Banken werden den Anschluss verpassen, wenn sie das Potenzial von digitalen Tools nicht voll ausschöpfen. Hierzu gehört auch eine smarte Analyse von Kundendaten“, so Dr. Felix Breuer, Geschäftsführer BFZ.

Trotz eines späten Starts ist der Trend eindeutig: Laut dem Branchen-Kompass Banking 2017 von Sopra Steria Consulting und dem F.A.Z.-Institut arbeiten 82 Prozent der Unternehmen in der Finanzwirtschaft an einer Digitalstrategie. Großes Ziel dieser Unternehmen sei dabei, die Kosteneffizienz zu steigern und durch den Wegfall manueller Prozesse mehr Freiraum für die Entwicklung neuer Produkte und die Optimierung von Prozessen zu schaffen. Einsicht durch Aussicht auf Effizienzsteigerung.

Bei ihren ersten Schritten in Richtung Digitalisierung haben sich die Banken bislang primär auf das weniger komplexe Privatkundengeschäft fokussiert. Zahlungsverkehr, Wertpapierhandel oder die Vergabe von Privatkundenkrediten werden heute bereits bei vielen Finanzinstituten digital prozessiert und dem Nutzer per Online-Schnittstelle zur Verfügung gestellt. Der nächste Schritt in das deutlich umfänglichere Firmenkreditgeschäft, sprich das Corporate Banking, wird häufig vertagt, obwohl genau in diesem Bereich große Chancen durch automatisierte Prozesse ungenutzt bleiben.

Im Corporate-Kredit-Prozess steckt viel Potenzial für Automatisierung

Der Corporate-Kredit-Prozess zeichnet sich unter anderem durch die Diversität der Antragsteller, deren Eigenschaften und der benötigten Produkte aus. Ob Kapitalgesellschaft oder Non-Profit-Organisation, Gruppe verbundener Kunden oder einzeln zu beurteilendes Unternehmen, ob Investitionskredit, Globallinie für Kreditkarten oder strukturierte Finanzierung mit zehn Konsorten – all das fällt in den Firmenkunden Kreditbereich. Gepaart mit vielschichtigen Sicherheiten-Strukturen, speziellen Finanzierungsobjekten (z.B. Flugzeuge, Schiffe oder gewerbliche Immobilie) und einer langen Historie der Kundenbeziehung mit entsprechenden Sondervereinbarungen ergeben sich besonders wissensintensive Prozessabläufe.

Komplexe Prozessabläufe bestehen aus besonders vielen einzelnen unterschiedlichen Subprozessen und Arbeitsschritten. Um schnellere, effizientere Arbeitsabläufe zu erzeugen, besteht der wesentliche Erfolgsfaktor also darin, die jeweiligen Arbeitsschritte möglichst reibungslos ablaufen zu lassen – eine gezielte technologische Unterstützung ist dabei eine entscheidende Komponente.

Dabei gilt es zu bedenken: Komplexe Strukturen und Sachverhalte unterliegen ständiger Veränderung – neue Gesetzgebungen mit zusätzlichen Vorschriften, neue interne Arbeitsanweisungen und Vorgaben usw. Flexibel und zeitnah auf solche Anpassungen zu reagieren, ist ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Wichtig ist daher, dass es nicht nur auf einen einmal definierten „Master-Prozess“ ankommt, sondern auf eine smarte Lösungsarchitektur. Die Wiederverwendbarkeit, Kombinierbarkeit und Adaptierbarkeit der fachlichen Lösungskomponenten sind dabei entscheidende Merkmale. So wird mit einer entsprechend aufgebauten digitalen Kreditvorlage die Zukunftsfähigkeit der erarbeiteten Prozesse sichergestellt.

Das Kreditgeschäft im Wandel

Das Kreditgeschäft ist durch einen kontinuierlichen Veränderungsprozess geprägt. Erhöhte Risiken in der Kreditvergabe, sinkende Zinsmargen bei einem zunehmenden Wettbewerb mit neuen Marktteilnehmern und hohe Bearbeitungskosten in der Marktfolge belasten das Ergebnis vieler Banken. Hinzu kommt, dass die Kundschaft anspruchsvoller wird, was die Bearbeitungszeit und die Beratungsleistung betrifft. Auch die Wohnimmobilien-Kreditrichtlinie WIKR und Basel III, in dem seit 2013 überarbeiteten Vorschriften des Basler Ausschusses der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) festgeschrieben sind, erhöhen den Anspruch an die Datenhaltung der Finanzdienstleister sukzessive. Eine Kreditentscheidung, die früher noch durch das spezifische Know-how erfahrener Mitarbeiter prozessiert werden konnte, bedarf heute einer Vielzahl zusätzlicher Parameter, die berücksichtigt werden müssen.

Um unter diesen Voraussetzungen dem Kundenanspruch nach mehr Transparenz und schnelleren Entscheidungsprozessen gerecht zu werden, ist eine Digitalisierung und Verknüpfung der Informationen langfristig unumgänglich. Nur so können Kreditentscheidungen im Kontext der gesamten Kundenhistorie betrachtet und systemgestützte Entscheidungen getroffen werden. Beispielsweise wird es so möglich, bei einer anstehenden Privatfinanzierung auch die Parameter eines laufenden verknüpften Firmenkredits zu berücksichtigen.

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Fazit

Viele Banken haben großen Nachholbedarf im Bereich der Digitalisierung ihrer Prozesse. Auch wenn in der Banken-Branche langsam ein Umdenken stattfindet, ist der Kunde in seiner Erwartungshaltung dem Angebot der Finanzinstitute häufig schon einen Schritt voraus.

Neben den Kundenansprüchen steigen auch die regulatorischen Anforderungen, die im Kreditwesen besonders ausgeprägt sind. Die Anzahl der zu berücksichtigenden Parameter bei Kreditentscheidungen wächst kontinuierlich, gleichzeitig müssen die Entscheidungsprozesse beschleunigt und transparenter werden, um die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten.

Eine deutliche Prozessverbesserung kann erreicht werden, wenn Kreditanträge immer im Kontext der gesamten Kundenhistorie bearbeitet werden. Dies setzt im Umkehrschluss jedoch voraus, dass alle relevanten Daten in digitaler Form abgelegt und dem Sachbearbeiter kontextsensitiv zur Verfügung gestellt werden. Ein hohes Automatisierungspotenzial bietet im Speziellen das Firmenkreditgeschäft. Über den Einsatz einer digitalen Kreditvorlage können komplexe Strukturen und Sachverhalte schrittweise automatisiert und erhebliche Beschleunigungen im Kreditbearbeitungsprozess erreicht werden.

Bildquelle: Teaser: anyaberkut - 874659590 - iStock

Geschrieben von Michael Rehfisch

Michael Rehfisch verantwortet die Banking-Einheit der knowis AG. Zu seinen Hauptaufgaben zählt die Überführung bankfachlicher Anforderungen in Softwarelösungen. Er sorgt mit seinem Team für eine erfolgreiche Realisierung unterschiedlichster Kundenprojekte. Michael Rehfisch absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und anschließend verschiedene Studiengänge zum Bachelor of Arts in Business Administration und Master of Science in Accounting & Finance. Er war über mehrere Jahre in einer international agierenden Großbank mit der Prozesssteuerung und -optimierung von Service- und Kreditprozessen betraut. Michael Rehfisch ist seit 2016 bei knowis tätig und begleitete als Solution Architect viele erfolgreiche Kundenprojekte.

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