Banken nach Corona: Das ist der Unterschied zur Finanzkrise 2008

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Was Wirtschaft und Gesellschaft nach dem Corona-Lockdown erwartet wird derzeit auf vielen Kanälen analysiert und prognostiziert. Speziell Banken stehen im Mittelpunkt des Interesses. Sie haben gerade in rezessiven Phasen eine besondere Bedeutung bei der Finanzierung von Unternehmen, weil Investoren dann an den Kapitalmärkten zurückhaltender agieren. Die große Herausforderung für Finanzinstitute in diesen Zeiten: Geschäftsentscheidungen müssen unter einem hohen Grad an Unsicherheit getroffen werden, denn ihre Business-Kunden können aktuell keine validen Planungen und Prognosen zur eigenen Geschäftsentwicklung vorlegen. Alles ist sehr stark von internationalen, nationalen und kommunalen Entscheidungen abhängig, die nicht beeinflusst werden können. Was bedeutet diese Unsicherheit für Banken und welche Lehren können aus vergangenen Krisen gezogen werden?

Nach aktuellen Prognosen rechnet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 6,3 Prozent für das Jahr 2020 (Stand. 29.04.2020). Grundlage dafür sind die Berechnungen führender deutscher Wirtschaftsinstitute (Quelle: BMWi), die Ende April bei der Vorstellung der Frühjahrsprojektion 2020 Erwähnung fanden. Auch die Weltwirtschaft wird laut dem Gutachten in eine schwere Rezession verfallen. Diese Zahlen beruhen auf der Annahme, dass die weitreichenden Maßnahmen zur Beschränkung der sozialen Kontakte im öffentlichen Raum schrittweise weiter gelockert werden können und es keinen zweiten Lockdown geben wird.

In den letzten Wochen wird jedoch immer deutlicher, dass unter dem Einfluss des Coronavirus die Halbwertszeit konkreter Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung relativ kurz ist. Zu wenig Erfahrung gibt es mit einer Pandemie dieser Größenordnung und zu unterschiedlich sind die Gegenmaßnahmen der einzelnen Länder. Diese Instabilität der globalen wissenschaftlichen Prognosen macht es sehr schwierig, eine verlässliche Einschätzung der Implikationen für die Finanzindustrie zu treffen. Doch gerade Banken sind jetzt in einer Schlüsselposition, die großen Einfluss auf die wirtschaftliche Dynamik haben kann. Sie müssen in den kommenden Monaten weitreichende und existenzielle Entscheidungen treffen – sowohl für andere als auch für sich selbst.

Die Wirtschaftskrise 2008/2009 als Benchmark für die Planung nach Corona nutzen

Im Hinblick auf die möglichen Auswirkungen im Finanzsektor wird vermehrt die Finanzmarktkrise nach der Pleite der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 als Benchmarking herangezogen. In deren Verlauf stürzten 2009 nahezu alle Volkswirtschaften in eine Rezession. Alleine in Deutschland fiel das BIP im Krisenjahr 2009 um 5,6 Prozent, im gesamten Euroraum um 4,5 Prozent und das BIP-Mittel aller ökonomisch entwickelten Staaten fiel um 3,4 Prozent (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung). Auch wenn die Ursache einer jetzt bevorstehenden Finanzkrise in den Auswirkungen von COVID-19 auf die Realwirtschaft begründet liegt, werden einige Herausforderungen für die Banken mit der Finanzmarktkrise vergleichbar sein – zumal die Geschäftsmodelle vieler Finanzinstitute in Europa bereits vor Corona schon an Profitabilität eingebüßt hatten. Dies gilt im Besonderen für den sehr wettbewerbsintensiven deutschen Markt.

Das waren die Auswirkungen der Finanzmarktkrise 2008/2009 für Banken

Um den Verlauf der Krise 2008/2009 nach der Pleite der Lehman Brothers differenziert analysieren zu können, ist es sinnvoll, zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Folgen zu unterscheiden.

Kurzfristige Auswirkungen

Aus Sorge vor Insolvenzen weiterer Banken ist nach dem Lehman-Konkurs mit dem Interbankenmarkt eine wesentliche Refinanzierungsquelle für Finanzinstitute kollabiert. Zusätzlich erschwerte die Zurückhaltung von Investoren weitere Möglichkeiten der Refinanzierung, wie etwa die Platzierung von Anleihen. Aufgrund aktiver Fristentransformation und einer für eine solche Krise unzureichenden Kapitalausstattung stellte sich bei den Banken sehr schnell eine Liquiditätsknappheit ein, die letztlich zu einer Stagnation und für die Banken überlebenswichtigen Reduktion des Aktivgeschäftes geführt hat.

Mittelfristige Auswirkungen

Mittelfristig hat die Finanzmarktkrise zumindest im Jahr 2009 zu einer Minderung des Zusagevolumens für Kredite geführt, die sich durch eine länder- oder sektorspezifische Beschränkung des Neugeschäfts erklären lässt. Auch die Kreditparameter haben sich nachweislich im Sinne risikoorientierterer Covenants und Verpflichtungen verändert. Gleichfalls ließen sich negative Effekte in der Kreditmarge erkennen, welche die gestiegenen kalkulatorischen Risikokosten ausdrückten.

Langfristige Auswirkungen

Diese Effekte haben sich aber nicht langfristig manifestiert, weil sich die Realwirtschaft durch staatliche Eingriffe und eine globale Kompensation vergleichsweise schnell stabilisiert hat. So sind die Banken – durch die Abschirmung von Risiken – geschäftsfähig und geschäftswillig geblieben und der Markt konnte sich relativ schnell zurück auf das Vorkrisen-Niveau entwickeln.

Was hat die Finanzbranche aus der Finanzmarktkrise gelernt?

Viele der Maßnahmen, die in und nach der Finanzkrise auf den Weg gebracht wurden, erweisen sich jetzt in der Corona-Krise als solides Fundament. Aufgrund umfangreicher Regulierungsmaßnahmen und deren Überwachung durch Kapitalerfordernisse, KPIs und regelmäßige Stresstests drohen derzeit keine Liquiditätsengpässe. Banken sind heute gut mit Liquidität ausgestattet, weshalb die Finanzinstitute zu Beginn der Corona-Pandemie auch noch recht gelassen reagiert haben.

„Die aktuelle Krise zeigt, dass wir als Aufsicht die richtigen Lehren aus der letzten Krise gezogen haben. Viele, von den Banken zum Teil heftig kritisierte Maßnahmen erweisen sich jetzt als Gold wert“, sagte Bundesbankvorstand Joachim Wuermeling in einer Online-Konferenz der Deutschen Bundesbank am 05. Mai 2020, die dem Austausch zwischen Banken, Politik und Aufsicht diente. Er spielte damit unter anderem auf Überschusskapital und aufsichtliche Kapitalpuffer an. Ebenfalls in dieser Veranstaltung zu Wort kam Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Er führte an, dass sich die Kernkapitalquote der Banken von etwa 8 Prozent im Jahr 2008 auf 16,5 Prozent 2019 verdoppelt habe.

Durch Konjunkturprogramme auf Unternehmensseite, Staatsverschuldung und Abschirmung von bilanziellen Risiken auf der Bankenseite konnte die Finanzmarktkrise relativ schnell entschärft werden. Inwiefern dies in der aktuellen Krise erfolgen kann, ist offen – zumal die Effekte global sind und somit ein gemeinsames Agieren der Weltgemeinschaft erfordern.  

Welcher Verlauf der kommenden Finanzkrise 2020/2021 ist zu erwarten?

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Die Ursachen und die Tragweite der Krisen 2008 und 2020 sind komplett unterschiedlich, daher werden sich auch die kurz-, mittel- und langfristigen Effekte teilweise unterscheiden. Dennoch können die gesammelten Erfahrungen genutzt werden, um die Auswirkungen der Corona-Krise konkreter einzuschätzen und sich entsprechend zu wappnen.

Kurzfristige Auswirkungen: Netto- und Brutto-Credit-Exposure steigen, hohe Ressourcenbindung

Auch in dieser Krise ist der grundlegende politische Ansatz das Schlimmste zu verhindern. Dazu werden seit März 2020 initial Förderkredite für Unternehmen bereitgestellt, die nach dem Hausbankenprinzip über die Kreditinstitute vergeben werden. In Deutschland verbleibt jedoch bei den Corona-Hilfskrediten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein ungedecktes Kreditrisiko von 10 Prozent bei den Banken. Dadurch steigen bei diesen sowohl das Brutto- als auch das Netto-Credit-Exposure.

Aktuell sieht man aber vor allem das Offensichtliche: Die schiere Anzahl der Anträge auf staatliche Hilfskredite stellt für Finanzinstitute eine Herausforderung dar. Dies führt kurzfristig zu einer starken Fokussierung auf den Antragsprozess. Die hohe Ressourcenbindung in antragsbezogenen Prozessen wird sich sukzessive in die Marktfolge ausbreiten.

Das bedeutet für Kreditinstitute, dass:

  • Änderungen wesentlicher Verpflichtungen aus den Kreditverträgen (wie beispielsweise Tilgungsaussetzungen) genehmigt, dokumentiert und ausgeführt werden müssen.
  • Kreditnehmer Informationspflichten und Vereinbarungen nicht einhalten können, was zu einer Bewertung dieser Fälle, Genehmigung von Kündigungen und vertraglichen Neuvereinbarungen führt.
  • der Umgang mit widerruflichen Kreditzusagen und platzierten Finanzierungsinstrumenten, wie etwa Schuldscheindarlehen, situationsbezogen bewertet werden muss.
  • sie die RWA-Bindung von Engagements reduzieren oder ihr Pricing an das erhöhte Risiko anpassen müssen, sofern keine Zinsänderungsklausel (Margin Grids) vereinbart ist.

Mittelfristige Auswirkungen: Zahlungsausfälle, RWA-Effekte und mehr gebundenes Eigenkapital

Mittelfristig werden viele Unternehmen durch COVID-19-Folgen in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Unmittelbare Konsequenz für den Finanzmarkt: ein Anstieg der Kreditausfälle. Bereits in den ersten Quartalsberichten 2020 der Banken zeigt sich dies in einer deutlichen Erhöhung der Risikovorsorge. Vor dem Hintergrund der bereits vor der Pandemie geringen Netto-Kreditmarge wird ein Anstieg der Risikokosten für Banken zu einer großen Herausforderung werden.

Wie bereits in der letzten Finanzkrise werden Kreditinstitute auf die drohende Erhöhung der Quote notleidender Kredite (NPL-Quote) voraussichtlich mit direkten Neugeschäftsbeschränkungen reagieren. Zudem werden auch Prolongationen einer kritischeren Prüfung unterworfen werden. Während in Phasen der aufstrebenden Konjunktur der Standardisierungsgrad steigt, geschieht jetzt das Gegenteil.

Die Krise spiegelt sich schrittweise auch in den Finanzberichterstattungen der Unternehmen wider und führt zu Ratingverschlechterungen und einer Migration aus Portfoliosicht. Der entsprechende RWA-Auftrieb bindet Kapital, was sich auf die Profitabilität von risikobelasteten Krediten und demzufolge auf die Bereitschaft und Fähigkeit von Finanzinstituten zur Ausreichung von Kreditmitteln auswirkt.

In diesem Kontext entsteht die Gefahr von Credit-Crunch-Szenarien, also dem Stagnieren der Kreditversorgung für die Wirtschaft. Sollte dieser Fall eintreten, würde das bei Unternehmen zu der Aufschiebung von Investitionen und Engpässen in Liquidität und Working Capital führen – und somit zu einer fortschreitenden Schwächung der Realwirtschaft.

Langfristige Auswirkungen: Deutlicher Anstieg des Analyseaufwands

Längerfristig wird sich der Aufwand im Bestands- und Credit-Lifecycle-Management deutlich erhöhen. Ursachen dafür sind, dass die Waiver-Quote zwangsläufig steigt und sich risikorelevante Parameter verändern. Für ein umfangreiches Monitoring sind somit kürzere Reporting-Intervalle und erhöhte Reporting-Anforderungen (beispielsweise Liquiditätsplanungen oder Aktualisierungen der Geschäftsplanung) nötig. Die Analyse im Rahmen des Bestandsmanagements wird aufwändiger und gleichzeitig haben Kreditgeber ein erhöhtes Informationsbedürfnis. Da im vergangenen Jahrzehnt ein Großteil der Restrukturierungsabteilungen aufgelöst wurde, werden in der unmittelbaren Sanierung Consultants hinzugezogen werden müssen – eine weitere Zusatzbelastung für Finanzinstitute.

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Fazit

Sowohl Banken als auch die Aufsicht haben aus der Lehman-Brothers-Pleite gelernt und damals viele Weichen richtig gestellt. Mit dem Beginn der Corona-Krise sind die Finanzinstitute gut kapitalisiert, es ist ausreichend Liquidität vorhanden, um erste Hilfe zu leisten. Damit sie aber dauerhaft selbst handlungsfähig bleiben, müssen Banken bereits jetzt die mittel- und langfristigen Folgen richtig eingeschätzt und entsprechende Vorkehrungen treffen. Auch Bundesbankvorstand Joachim Wuermeling warnt vor einer blinden Kreditvergabe in Corona-Zeiten. Die Bankenaufsicht werde die Kreditrisiken, die voraussichtlich ab dem dritten Quartal vermehrt schlagend werden, besonders in den Blick nehmen.

Um bilanzielle und ergebniswirksame Effekte bestmöglich zu beherrschen, werden die Themen Analyse, Bestandsmanagement und Restrukturierung jetzt und in Zukunft einen zentralen Platz einnehmen müssen. Dies darf allerdings nicht zu einem maßgeblichen Kostenauftrieb führen, weil die Cost-Income-Ratio vieler Banken bereits vor der Krise angespannt war.

Deshalb gilt es für Banken jetzt einen Sprint hinzulegen, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, und Portfolienrisiken im Überblick zu behalten. Systemseitige Unterstützung ist hierfür unerlässlich, weshalb die digitale Agenda gerade in der Krise an erster Stelle stehen muss.

In unserem nächsten Beitrag dieser Serie lesen Sie, welchen Einfluss Corona auf das Bestandsmanagement von Banken hat

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Bildquellen: Teaser: bedo - 91630491 - iStock

Geschrieben von Torsten Spörl

Torsten Spörl ist verantwortlich für die Einheit 'Banking Solutions' der knowis AG. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann schloss er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Diplom ab. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn war Torsten zunächst über mehrere Jahre in der Transaktionsberatung bei zwei der 'Big Four' Unternehmensberatungen tätig. Anschließend leitete er verschiedene Einheiten im Bankenbereich. Sein fachlicher Fokus lag dabei im Firmenkundengeschäft und der Projektfinanzierung.

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